Memoriav setzt sich aktiv und nachhaltig für die Erhaltung, Erschliessung, Valorisierung sowie die breite Nutzung des audiovisuellen Kulturgutes in allen Landesteilen der Schweiz ein. Cécile Vilas, Direktorin von Memoriav erklärt, wieso das Kulturerbe für unsere Gesellschaft einen grossen Wert hat, und entsprechend seine Pflege auch einen Preis hat.

Memoriav ist Kompetenzstelle und Netzwerk für das audiovisuelle Erbe der Schweiz. Welche Idee steckt konkret dahinter?
Cécile Vilas: Audiovisuelle Dokumente – Fotos, Filme, Ton- und Videodokumente – sind wichtige Zeugnisse der Geschichte des 19.bis 21. Jahrhunderts. Sie bilden das audiovisuelle Gedächtnis der Schweiz und sind dadurch ein wichtiger Teil des Kulturerbes unseres Landes. Sie ergänzen schriftliche Quellen. Audiovisuelle Dokumente sind aber auch sehr fragil und dadurch gefährdet. Ihre Erhaltung ist gleichzeitig komplex und auch kostspielig. Memoriav unterstützt im Auftrag des Bundes Museen, Bibliotheken und Archive bei der Erhaltung ihrer audiovisuellen Sammlungen. Dabei wird technisches Know-how vermittelt und die Erhaltungsprojekte werden von Memoriav finanziell unterstützt. Diese Dokumente können oft nur in einem gemeinsamen Effort nachhaltig erhalten und wieder zugänglich gemacht werden.
Memoriav ist seit über 30 Jahren aktiv. Welche Bilanz können Sie ziehen?
In 30 Jahren wurden mehrere Millionen wertvoller Dokumente erhalten. Besonders wichtig ist aber auch, dass Memoriav Kompetenz aufgebaut und vermittelt hat. So gibt es immer mehr Gedächtnisinstitutionen, die ihre audiovisuellen Sammlungen fachgerecht und nachhaltig betreuen und vor allem auch nutzen können. Die Bilanz ist sehr positiv, aber die Erhaltung von audiovisuellem Kulturerbe ist eine Daueraufgabe. Das setzt voraus, dass auch der Politik und der Öffentlichkeit immer wieder bewusst gemacht wird, das Kulturerbe für unsere Gesellschaft – und die Demokratie – einen grossen Wert hat, aber seine Pflege auch einen Preis. Memoriav engagiert sich deshalb auch stark für die Sensibilisierung und die kulturpolitischen Aspekte.

Was sind die wichtigsten Meilensteine in der Geschichte von Memoriav?
Bereits die Gründung als Netzwerk und Kompetenzstelle im Jahr 1995 war bemerkenswert. Eine eigentliche «Schweizer Lösung». In den 1980er- und 1990er-Jahren wurde sich die Politik bewusst, dass das audiovisuelle Gedächtnis der Schweiz vom Zerfall bedroht war, wenn nicht schnell Massnahmen ergriffen würden. Was tun? Die Schaffung einer grossen nationalen Institution – einer Art audiovisueller Nationalbibliothek – war politisch nicht machbar und nicht finanzierbar. Also wurde als «Notlösung» Memoriav als Netzwerk aller audiovisueller Partner gegründet. Diese Lösung funktioniert auch heute noch. Sie ist agil, innovativ und kostengünstig. Ein weiterer Meilenstein war 2021 die Lancierung der neuen Memobase. Sie ist das Portal des audiovisuellen Kulturerbes der Schweiz und ermöglicht es, über 1 Million audiovisueller Dokumente zu konsultieren. Ein grosser Meilenstein ist das 2022 gestartete audiovisuelle Inventarprojekt, das Memoriav mit bisher 21 Kantonen durchgeführt hat. Es zeigt die ganze Breite des audiovisuellen Kulturerbes auf.
Was sind die Hauptaufgaben von Memoriav?
Memoriav hat eine breite Aufgabenpalette: Dazu gehören das Vermitteln von Erhaltungswissen in Form von Empfehlungen, Kursen, Workshops und Tagungen, das Sensibilisieren von Politik und Öffentlichkeit für die Wichtigkeit und die Bedürfnisse des audiovisuellen Erbes, die fachliche und finanzielle Unterstützung von Gedächtnisinstitutionen bei der Erhaltung ihrer audiovisuellen Sammlungen, das Durchführen des grossen audiovisuellen Inventars in den Kantonen, das Portal Memobase, der regelmässige Austausch mit Fachgremien, Kulturdepartementen, usw. Wichtig ist uns auch eine grosse Präsenz vor Ort, überall in der Schweiz, wo audiovisuelles Kulturgut gerade thematisiert wird.
Das audiovisuelle Kulturgut der Schweiz ist reichhaltig und umfasst vielfältige Dokumente. Was muss man sich darunter vorstellen?
Primär handelt es sich um Fotos, Filme, Ton- und Videodokumente auf analogen Trägern und natürlich auch in digitaler Form. Alle Themen sind vertreten, und auch die Provenienzen sind breitgefächert: Sowohl ein Kunstvideo wie ein interessanter privater Super-8-Film, Industriefotografie oder Kassetten mit Dialektaufnahmen können von grosser Bedeutung sein. Früheste Fotografien aus dem 19. Jahrhundert gehören dazu, wie auch zeitgenössische Podcasts.

Was sind die wichtigsten audiovisuelle Zeitzeugen?
Das kommt auf die Perspektive und die Interessen an. Doch ein äusserst wichtiger Bestand für die Schweiz sind die rund 19’000 Filmbeiträge der Schweizer Filmwochenschau, welche von 1940 bis 1975 in drei Sprachen produziert wurden. Sie sind eine der wichtigsten Quellen der Schweizer Geschichte des 20.Jahrhunderts und auf Memobase konsultierbar.
Wie werden die diversen audiovisuelle Zeitzeugen gehegt und gepflegt?
Memoriav publiziert Erhaltungsempfehlungen für Museen, Archive und Bibliotheken und für Privatpersonen die einfacheren «Kleinen Guides».
Da die Erhaltung aber sehr komplex ist, braucht es Fachleute wie beispielsweise Foto- oder Filmrestaurator/innen. Es ist zentral, Fachleute zu konsultieren, denn Dokumente können bei unsachlicher Behandlung unwiederbringlich zerstört werden. Institutionen oder Privatsammler können mit entsprechenden Massnahmen, wie einem kontrollierten Klima der Räume und einen sorgsamen Umgang, sehr viel dazu beitragen, dass die Dokumente keinen Schaden nehmen.
Der Verein ist bestens vernetzt. Wie funktioniert die Zusammenarbeit mit den Kantonen und welche Bedeutung hat sie?
Die Vernetzung ist für die Arbeit von Memoriav essentiell. Die Zusammenarbeit mit den Kantonen ist dank dem erwähnten Inventarprojekt sehr eng geworden. Das Memoriav-Inventar hat mehrere Kantone dazu gebracht, ihre audiovisuelle Erhaltungspolitik zu überdenken oder anzupassen. Memoriav seinerseits reagiert aufmerksam und schnell auf Bedürfnisse, die durch das Inventar identifiziert wurden. So gibt seit Kurzem «Kleine Erhaltungsprojekte», welche auch einem sehr kleinen Museum ermöglichen, von Memoriav unterstützt zu werden. Diese «Kleinen Projekte» haben mit wenig Aufwand schon viel angestossen.
Wie ist das Verständnis in der Politik für die Erhaltung des audiovisuellen Kulturgutes?
Das audiovisuelle Kulturerbe ist ein relativ «diskretes» Kulturgut, das heisst viele Leute – auch die Politik – sind sich nicht bewusst, dass es fragil ist und viel Sorgfalt, Wissen und Mittel benötigt, um es zu erhalten. Deshalb braucht es schon einen regelmässigen «Fürsprech», der die Politik auf die tolle und anspruchsvolle Arbeit der Gedächtnisinstitutionen, die ihre audiovisuellen Sammlungen pflegen und erhalten, aufmerksam macht. Und dieser «Fürsprech» ist Memoriav. Wir zeigen auf, dass diese Arbeit nur mit entsprechenden Mitteln, aber auch Infrastrukturen gemacht werden kann. Deshalb ist Memoriav sehr präsent. Wir engagieren uns beispielsweise regelmässig an den Europäischen Tagen des Denkmals, referieren oder publizieren in ganz unterschiedlichen Kontexten, pflegen Kooperationen überall in der Schweiz, in kleinen Orten und den grossen Städten.

Sie leisten Nothilfe, wenn audiovisuellen Dokumente von einem Brand- oder Wasserschaden betroffen sind. Wie funktioniert das konkret?
Wir leisten nicht selber Nothilfe, stellen aber Notfalladressen von Fachpersonen zur Verfügung, die bei einem Schaden schnell und dringend konsultiert werden sollten.
Die Notfall-Thematik wird immer wichtiger, wir sind deshalb auch am Aufbau von Kursen und der Ergänzung unserer Empfehlungen. Vor rund zwei Jahren hatten wir bereits eine grosse Fachtagung zum Thema organisiert.
Memobase ist das Kernprodukt von Memoriav. Wie funktioniert Memobase und wer kann mitmachen?
Memobase steht Museen, Bibliotheken oder Archiven offen, welche ihre audiovisuellen Bestände professionell und nachhaltig erschliessen, erhalten und digitalisieren. Das Ziel ist, über das Portal Memobase einen repräsentativen Überblick zur audiovisuellen Schweiz zu schaffen. Institutionen können ihre Bestände ausschliesslich oder zusätzlich (d.h. nebst einer eigenen Plattform) auf Memobase zeigen. Auch Sendungen von SRF oder RTR sind auf Memobase mit sehr guten Metadaten (Katalogdaten) verzeichnet, RTS und RSI werden folgen. Die Suchfunktionen von Memobase sind sehr ausgereift. Zudem können auf der Memobase sehr interessante Vitrinen – virtuelle Ausstellungen – konsultiert werden.
Was sind die grössten Projekte in diesem Jahr?
Das Inventar in den Kantonen bleibt weiterhin ein zentrales Projekt, das weitergeführt wird und viel bewegt. Die Memobase will weiterwachsen und sich weiterentwickeln.
2026 organisieren wir wiederum einen Memoriav-Kongress, bei dem es um «Fördermodelle» geht, u.a. auch um die Frage, wie Stiftungen vermehrt für die Unterstützung audiovisueller Sammlungen gewonnen werden könnten.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft von Memoriav?
Ich wünsche mir, dass Memoriav die nötige Unterstützung erhält, um zusammen mit den Gedächtnisinstitutionen und den Kantonen das audiovisuelle Erbe für zukünftige Generationen zu erhalten. Die nachhaltige Erhaltung des audiovisuellen Gedächtnisses der Schweiz ist nur in einem gemeinsamen Effort möglich!
Interview: Corinne Remund
Memoriav
Memoriav ist Kompetenzstelle und Netzwerk für das audiovisuelle Erbe der Schweiz. Mit Beratung, Fördermassnahmen und Kampagnen sichert Memoriav Fotografien, Filme, Töne und Videos für heutige und kommende Generationen.



